In Antizipation von Cassandra Clares neuster Veröffentlichung, "Lord of Shadows" (der Fortsetzung von "Lady Midnight" und damit dem zweiten Buch der Reihe "Die Dunklen Mächte"),
habe ich beschlossen, den ersten Band der Reihe erneut zu Lesen.
Bereits vor einem Jahr - im Mai 2016 - hatte ich den Roman (in der
Originalversion) verschlungen und gerade jetzt, nachdem ich meine
Abiturprüfungen abgeschlossen habe, schien der perfekte Zeitpunkt
gekommen zu sein, um mich erneut an die knapp 700 Seiten (in der
deutschen Version sind es 880 Seiten) zu wagen. Wie erwartet hat es sich
gelohnt.
Rezension zu "Lady Midnight"
"Lady Midnight"
von der US-amerikanischen Autorin Cassandra Clare ist ein am 08. März
2016 veröffentlichter Fantasyroman, welcher in einer Welt angesiedelt
ist, die parallel zur reellen Welt existiert. Wie bereits in den zwei
anderen von ihr veröffentlichten Buchreihen ("Die Chroniken der Unterwelt" sowie die Prequel-Trilogie "Chroniken der Schattenjäger")
sind die Hauptfiguren Nephilim - Menschen mit Engelblut, deren Aufgabe
es ist, die Menschheit vor Dämonen zu beschützen. Neben den Nephilim
gibt es jedoch noch andere Halbwesen, die statt Engelblut Dämonenblut in
sich tragen: Werwölfe, Vampire, Feen und Hexer, um nur einige zu
nennen. All dies bleibt jedoch vor Menschenaugen verborgen und nur
wenige können durch den Glanz, der alles verbirgt, hindurchsehen. Wie
auch in unserer Welt spielt in dieser "Schattenwelt" Politik eine
wichtige Rolle - so haben die Nephilim eine Regierung und sind auch
lokal in so genannten "Instituten" organisiert. Dort wohnen Nephilim,
trainieren und schließen Bündnisse mit den lokalen Vampir- und
Werwolfclanen.
Worum geht es?
Der erste Band der Trilogie "Die Dunklen Mächte"
ist im Institut von Los Angeles angesiedelt. Dort leben die
Blackthorns: Eine Nephilim-Familie, die ursprünglich aus England stammt.
In einem Krieg, der fünf Jahre vor den Ereignissen des Buchs
stattgefunden hat, haben die Blackthorn-Kinder ihren Vater verloren -
ihre Mutter war bereits vorher an Krebs gestorben. Zur Leitung des
Instituts und zur Betreuung der Kinder wurde im Anschluss auf den Krieg
der Onkel der Blackthorns, Arthur, nach LA geordert, jedoch ist es
Julian, der zweitälteste Sohn der Familie, der die Fürsorge für seine
Geschwister übernimmt. Seine beiden älteren Geschwister, die Feenblut in
sich tragen, dürfen aufgrund ihres Erbes nach dem Krieg, in dem die
Feen sich gegen die Nephilim und die anderen Halbwesen gewandt haben,
nicht mehr bei ihrer Familie leben. Gemeinsam mit seinem Parabati (eine
Art geschworenem besten Freund) Emma versucht Julian also, seine Familie
zusammen zu halten und den jüngeren Kindern gleichzeitig dabei zu
helfen, Erwachsen zu werden.
Zu
Beginn der Geschichte befinden sich die Blackthorns jedoch gerade bei
ihrer Großtante in England, während Emma in LA geblieben ist. Dort lernt
sie Cristina kennen, die aus Mexiko stammt und am Institut in LA eine
Art Auslandsjahr absolviert. Gemeinsam stoßen die Beiden auf die Fährte
eines Mörders, der seine Opfer mit seltsamen Zeichen versieht. Emma ist
dabei fest überzeugt davon, dass es die selben Zeichen sind, die die
Körper ihrer Eltern getragen haben, als sie während des Krieges tot
aufgefunden wurden. Als die Blackthorns zurückkehren beginnt also eine
spannende Jagd nach dem, der hinter den Gräueltaten steckt - um Emmas
Eltern zu rächen und um eine verhängnisvolle Abmachung zu erfüllen.
Graphische und rhetorische Gestaltung
Das
Cover bleibt in der deutschen Version das Selbe wie in der englischen,
wobei lediglich der Name der Reihe ins Deutsche übersetzt wird. Darauf
zu sehen ist eine Frau mit blonden Haaren, die ein weißes Kleid trägt,
ein Schwert in der Hand hält und mit dem Gesicht nach oben mitten im
Wasser treibt. Die Vermutung liegt nahe, dass es sich bei der Frau um
Emma mit ihrem Schwert Cortona handelt, welches sie von ihrem Vater
geerbt hat. Jedoch findet sich im Buch keine Szene, die der Darstellung
auf dem Cover exakt entspricht. Unterstrichen werden muss jedoch der
Fakt, dass das Bild den mystischen, ungeheuren Charakter des Buches
widerspiegelt und auch gleich von Beginn an klar macht, dass Wasser und
besonders das Meer hier eine große Rolle spielt.
Ein
interessantes Mittel zur Entwicklung der Geschichte, welches Cassandra
Clare genutzt hat, ist die Einarbeitung des Gedichts "Annabel Lee"
von Edgar Allen Poe. Dieses findet sich nicht nur inhaltlich in der
Geschichte wieder, sondern auch in den Kapitelüberschriften, die jeweils
ein Vers aus dem Gedicht sind. Dadurch wird die Geschichte auch formell
zusammen gehalten.
Im
Text arbeitet Cassandra Clare viel mit Dialogen, vergiss dabei aber
auch Beschreibungen nicht. Absolut nicht zu befürchten sind lange
Handlungen ohne Unterhaltungen, denn oft sind die Charaktere zu zweit
oder in Gruppen unterwegs und teilen sich gegenseitig ihre Gedanken mit.
Der
Roman ist in der dritten Person geschrieben, wobei die Perspektive
zwischen den Protagonisten wechselt. Dabei liegt der Fokus jedoch auf
Emmas Sicht.
Meine Meinung
Wer
bereits Cassandra Clares andere Bücher kennt wird sich schnell wieder
in die Welt der Nephilim zurückfinden. Die grundlegenden Konzepte sind
nicht neu, es kommen lediglich ein paar Hintergrundinformationen dazu.
Auch die Charaktere sind nicht aus dem Nichts ausgetaucht, denn Emma und
Julian kennt man bereits aus "City of Heavenly Fire" und neben
Clary Fairchild, Jace Herondale und Magnus Bane taucht auch der eine
oder andere alte Bekannte wieder auf. Für begeisterte Leser der
vorherigen Reihen also ein absolutes Muss.
Wie
sieht es jedoch für Neueinsteiger aus? Ist das Buch geeignet? Cassandra
Clare bemüht sich sehr, dem Leser ihre Welt wieder in Erinnerung zu
rufen. Dabei wird alles kurz erklärt, für diejenigen, denen die Welt
jedoch noch komplett fremd ist, könnten die Beschreibungen etwas zu
knapp sein. Allein mit Blick auf die Handlung ist der Roman jedoch für
jeden geeignet - zwar wird auf Ereignisse aus den früheren Geschichten
zurückgegriffen, jedoch werden diese meist detailliert erörtert.
Innerhalb dieser Erklärungen wird Cassandra Clares Talent deutlich, denn
sie nutzt selten Rückblicke und lässt die Blackthorns und Emma
stattdessen im Unterricht über bestimmte Themen sprechen oder arbeitet
die Themen in direkte Dialoge ein.
Fazit
Fakt ist, dass man "Lady Midnight"
nicht mal so nebenbei lesen kann - dafür ist das Buch einfach zu
voluminös. Wenn einem also die ersten 50 Seiten nicht zusagen ist es
keine Schande, den Roman beiseite zu legen. Hat man jedoch die Zeit, um
sich dieser Lektüre zu widmen, dann ist sie absolut empfehlenswert!
Spannend, emotional und mitreißend verführt Cassandra Clare ihre Leser
in eine andere Welt, die tatsächlich, vor uns verborgen, existieren
könnte, was den besonderen Reiz der Geschichte ausmacht. Wer also noch
das richtige Buch sucht, um sich zum Sonnen ins Grüne zu legen, wäre
hiermit genau richtig bedient.
Spoiler
Fans der "Chroniken der Schattenjäger" wird wohl vor allem einst freuen: Jem und Tessa, die ja schon in "City of Heavenly Fire" einen Gastauftritt gegeben haben, spielen auch in "Lady Midnight" wieder eine Rolle - wobei diese jedoch vergleichbar gering bleibt. Jem als Emmas Vorfahr würde gerne wie ein Onkel für sie da sein, ist jedoch mit immer neuen Missionen beschäftigt und findet deshalb selten die Zeit, sich direkt mit ihr zu treffen.
Neben diesen Rückkehrern spielt natürlich auch Magnus Bane wieder eine Rolle - Leser der "Chroniken des Magnus Bane" werden sich an seine Magier-Freunde Ragnor Fell und Catarina Loss erinnern, die auch hier am Rand erwähnt werden. Der Augenmerk liegt hier jedoch auf Magnus neuere Familie, die er mit Alec Lightwood gegründet hat. Bereits aus "Legenden der Schattenjäger-Akademie" bekannt ist ihr Adoptivsohn Max, ein Hexenwesen wie Magnus. In diesem Buch kommt außerdem ein weiteres Familienmitglied hinzu. hinzu: Rafael, ein Schattenjägerkind aus Buenos Aires.
In Lady Midnight kommen aber natürlich auch neue Charaktere hinzu. Neben Cristiana sind das zum Beispiel Diego Roccio Rosales, der ebenfalls aus Mexiko stammt, und Kit Herondale, ein Nachfahr von Tobias Herondale. Wer also mit dem Gedanken spielt, sich noch einmal genauer mit der Herondale Familiengeschichte auseinander zu setzen, für den ist jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen.
Als letzter kleiner Spoiler sei gesagt, dass am Ende von "Lady Midnight" eine kurze Geschichte aus Sicht von Clary angehängt ist, die etwas vor dem Handlungs-Ende des tatsächlichen Buches angesetzt ist. Der Text bildet, aus meiner Sicht, eine Art Abschluss der "Chroniken der Unterwelt", da geschickt gezeigt wird, wie es den Charakteren aus der Buchreihe fünf Jahre später geht, so dass keine offenen Fragen über ihr Schicksal bleiben.
Diskussion
Zunächst
einmal: Für einen regulären Buchclub bzw. Lesekreis ist dieser Roman
vermutlich aufgrund seines Umfangs eher weniger geeignet. Trotzdem lohnt
es sich, mit anderen, die das Buch ebenfalls gelesen haben, darüber zu
diskutieren. Im Folgenden würde ich gern eine solche Diskussion anregen,
mit den Fragen, die mich während und nach dem Lesen des Buches am
Meisten beschäftigt haben.
- Dank der Aufklärung durch Jem sind uns nun die Folgen des Parabati-Fluchs bekannt: Eine Liebe zwischen Parabati gibt ihnen so starke Kräfte, dass sie am Ende sich selbst zerstören. Meine Frage hierzu richtet sich nicht nur an das Buch sondern auch an Menschen generell: Kann es Liebe wert sein, dafür zu sterben? Und ist Liebe schon dann nicht erwidert, wenn auf sie keine Handlungen bzw. körperlicher Kontakt folgen?
- Warum weigert sich Ty so vehement dagegen, Livias Parabati zu werden? Die Argumentationen von beiden Seiten sind natürlich komplett logisch, jedoch kann ich nicht glauben, dass nicht noch mehr dahinter steckt.
- Zum Schluss: Mark und Kieran. Kieran, ein Elfenprinz, bekennt sich öffentlich dazu, dass er Mark liebt und Elfen können nicht lügen. Der Grund, warum er mit Gwyn und Iarlath zu den Blackthorns kommt ist, um Mark zurück zu holen, damit sie zusammen sein können - nicht, um Mark oder sogar seine Familie zu verletzen. Warum sieht Mark diese Seite der Geschichte nicht? Warum verurteilt er Kieran dafür, dass sich Emma und Julian für ihn geopfert haben, wenn dieser letztendlich nichts damit zu tun hatte?
Mir ist durchaus bewusst, dass diese Fragen sich weniger
auf die Handlung der Bücher beziehen und mehr auf die Charakteristiken
der unterschiedlichen Figuren, aber in Anbetracht der Tatsache, dass
"Lady Midnight" der Auftakt einer Trilogie ist, hoffe ich, dass
zumindest einige dieser Fragen in den nächsten Büchern beantwortet
werden.
Habt
ihr eine Antwort auf die Fragen oder andere Punkte, die ihr gern
diskutieren möchtet? Wer sind eure liebsten Charaktere, eure bevorzugten
"ships" und welcher Wendepunkt hat euch am Meisten überrascht? Ich bin
gespannt darauf, eure Kommentare zu lesen!

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