"Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow" (Rainbow Rowell) wird immer wieder als Abklatsch der Harry Potter Reihe von J. K. Rowling gehandelt - doch wie viel ist an diesem Gerücht dran? In diesem Post möchte ich - mit möglichst wenig Spoilern - einige Teilgebiete der Bücher vergleichen. Alohomora!
Der Ort
Jeder kennt den Haupthandlungsort der Harry Potter Reihe: Hogwarts. Ein Schloss in den schottischen Highlands, direkt an einem See und abgesehen von einem nahen Zaubererdorf sehr einsam gelegen. Zufällig vorbeikommende Muggel werden mittels Zaubern fern gehalten und so bleibt die Schule für Nichtmagier absolut unbekannt. Wie ist das jedoch bei Simon Snow?
In Rainbow Rowells Welt der Magier taucht ebenfalls eine Zauberschule als Haupthandlungsort auf - die "Watford School of Magicks", gelegen in Watford, also mitten in England. Anders als Hogwarts kann die Zauberschule von Watford jedoch von Nichtmagiern gesehen werden - sie gilt als Eliteinternat und wer "Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow" genau liest wird wissen, dass es genau das auch meistens war. Im Gegensatz zur Welt von Harry Potter leben die Zauberer hier mitten unter den "Muggeln", haben Freunde, die keine magischen Fähigkeiten besitzen und sind auch mit dem Weltgeschehen auf dem neuesten Stand. (Kleidung, Technik, Pop-Kultur) In so fern fühlt sich die Watford School of Magicks viel natürlicher an - wie ein Ort, den man selbst eines Tages besuchen könnte.
Eine Parallele findet sich jedoch im Äußeren der Zauberschulen: Hogwarts ist ein Schloss, Watford eine Burg. Gewisse Ähnlichkeiten lassen sich also nicht abstreiten.
Fun Fact: Tatsächlich befinden sich die Warner Brothers Studios mit ihrer weltberühmten Harry Potter Ausstellung in der englischen Stadt Watford!
Die Charaktere
Auch hier finden sich viele Parallelen, wenn auch vielleicht nicht immer dort, wo man denkt. Viele Leser tun das Buch auf den ersten Blick als eine reine Drarry Fanfiction ab (Draco Malfoy X Harry Potter), jedoch sind die Charaktere viel komplexer als nur eine reine Kopie.
Simon Snow
Der Hauptheld des Buches erinnert zunächst allein aufgrund seiner Rolle im Roman an Harry - ein Waisenjunge, der innerhalb einer Zauberschule ein neues Zuhause gefunden hat und über den Sommer immer wieder zurück in die Welt der Normalen geschickt wird. Beide haben außerdem mächtige Magier als Eltern, ohne viel von ihnen zu wissen. So weit, so gut.
Will man jedoch nichts erzwingen hören die Gemeinsamkeiten hier auf - dafür tritt ein anderer Charakter ins Bild, der Simon viel mehr ähnelt als Harry: Voldemort.
Für alle drei, Simon, Harry und Voldemort, bildet die Zauberschule ein Zuhause - während Harry jedoch jeden Sommer zu seinen Verwandten zurück kehrt, werden sowohl Simon als auch Voldemort jedes Jahr in ein Waisenhaus geschickt. Egal wie grausam die Dursleys Harry behandelt haben - sie waren immer noch seine Verwandten und später wurde er durch Dumbledore und den Orden des Phönix vor ihnen geschützt. Für Simon und Voldemort gibt es dieses später nicht. Sie sind Sommer für Sommer den Grausamkeiten eines Heims für verstoßene Kinder ausgesetzt und logischerweise gibt es für sie nichts Schöneres, als im September in die Schule zurück zu kommen - und nichts Schlimmeres als die Vorstellung, eines Tages nicht mehr dorthin zurück zu können.
Um das zu verhindern werden sie außerdem aktiv - Simon wehrt die Vorschläge des Magiers ab, sein letztes Schuljahr außerhalb von Watford zu verbringen und überlegt sogar, als Ziegenhirte da zu bleiben, Voldemort bewirbt auf eine Lehrstelle. Harry hingegen verzichtet freiwillig auf sein letztes Schuljahr in Hogwarts, um nach Horkruxen zu suchen - für Simon und Voldemort unvorstellbar.
Zu diesen Parallelen hinzu kommt, dass sowohl Voldemort als auch Simon ihre Eltern nie wirklich kennen lernen. Harry erfährt viel über Lilly und James - über Freunde, Erinnerungen etc. Voldemort hingegen findet nur mühsam heraus, wer seine Vorfahren waren (und lernt sie dann auch nicht kennen), Simon wird vermutlich nie erfahren, wer seine Eltern sind. Und schließlich nennt Baz Simon nicht umsonst den "schlechtesten Außerwählten aller Zeiten" - auf Voldemort könnte die Beschreibung auch gut passen.
Tyrannus Basilton (Baz) Grimm-Pitch
Hier wird oft der Draco Malfoy des Romans gesehen und in manchen Punkten ist diese Theorie durchaus verständlich - er ist der Antagonist des Romans (gemeinsam mit dem Schatten), er wird von seiner Familie gelenkt und wirkt ständig, als ob er etwas ausheckt. Während Baz Simon gegenüber jedoch tatsächlich handgreiflich wird und versucht, ihn zu töten, kommt es mit Draco nie zu diesem Punkt. Tatsächlich rettet Harry Draco ja sogar letztendlich das Leben.
Eine Ähnlichkeit in Verbindung mit Baz und Draco findet sich jedoch beim Haupthelden der Geschichte. Beide hegen im fünften/ sechsten Jahr ihrer Schulzeit eine Theorie, von der sie niemand überzeugen können und die sich letztendlich als wahr herausstellt: Harry hält Draco für einen Todesser und Simon Baz für einen Vampir.
Die Familie Bunce
Penelope Bunce ist Simons beste Freundin und aufgrund dessen und der Tatsache, dass ihre Familie relativ groß ist, halten viele sie für den Ron-Weasley-Ersatz. Penny ist jedoch noch mehr als das, denn während sie Simon stets treu zur Seite steht hat sie außerdem den Grips von Hermine.
Penny ist der einzige Charakter, der sich wirklich im Potter Universum wiederfinden lässt: Und zwar in Rose Weasley. Besonders aufgrund der Besetzung der Theaterinszenierung von "Harry Potter und das verwunschene Kind" ähneln sich die Beiden - außerdem sind sie temperamentvoll, klug und wissen genau, was sie wollen.
Bleibt man Vergleich Weasley-Bunce müssen natürlich auch die Eltern betrachtet werden. Mr Bunce ist Forscher, Mrs Bunce Professorin - Penny stammt also aus einer Familie von Intellektuellen, was man von den Weasleys nicht gerade sagen kann: Zwar kümmert sich Mr Weasley um die Ministeriumsabteilung für Muggelartefakte, jedoch ist hier mehr Zauberkunst als Denkleistung gefordert. Mrs Weasley sorgt sich, ganz im Gegensatz zu Mrs Bunce, um Haus, Hof und Kinder - die Kinder der Familie Bunce müssen jedoch weitest gehend allein zurecht kommen.
Eine Parallele findet sich jedoch zwischen zwei Söhnen der Familien: Premal Bunce und Percy Weasley. Beide entscheiden sich dafür, für die der Familie entgegengesetzten Seite zu arbeiten. So unterstützt Premal den Magier, der als Feind der alten Zaubererfamilien gilt und Percy hilft dem Zaubereiminister, der mit dem Orden des Phönix auf Kriegsfuß steht. Gleichzeitig haben sie jedoch mit ihren Familien einen gemeinsamen Feind: den Schatten und Voldemort.
Der Schatten
Natürlich möchte man hier einen Voldemort-Verschnitt sehen - der böse Feind, der alles kaputt macht und gegen den der Hauptheld konstant ankämpfen muss. Das Problem ist nur, dass die Beiden unterschiedlicher nicht sein könnten. Es gibt Verbindungspunkt - wie die besondere Beziehung zum Hauptheld oder die Signifikanz des Zeitraums von 11 Jahren (sie tauchen nach gefühlten Ewigkeiten zum ersten Mal wieder auf, während der Hauptcharakter 11 ist und damit zum ersten Mal die Zauberschule besucht), aber mehr ist da nicht.
Vielmehr ist der Schatten all das, was Voldemort nicht ist: Jung, verspielt und der Magie statt den Muggeln feindlich gesinnt. Wenn man meine die Simon-Voldemort Theorie erneut aufgreift wird auch klar, warum das so ist: Der Schatten ist das, was übrig bleibt, wenn Simon zaubert - und grundverschieden von ihm. Wie sollte er dann so sein wie Voldemort?
Der Magier
Als letzten Charakter möchte ich noch kurz auf den Magier zu sprechen kommen. Nach Penny und Premal ist er vermutlich derjenige, der am deutlichsten eine Parallele im Harry Potter Universum findet. Schulleiter, Vaterfigur für den Hauptheld, zeitweise machtbesessen und nicht unbedingt so gut, wie man zu Beginn annimmt: Albus Dumbledore. Die Männer des Magiers und der Orden des Phönix sind sich in einigem ähnlich, genau wie das Ministerium und die alten Familien. Die eine Seite ist progressiv, die andere konservativ und in der Zeit stecken geblieben. Nur sind die Rollen von gut und böse hier vertauchst.
Die Magie
In der Welt von Harry Potter ist Magie etwas, das eher zufällig auftritt - meist wird sie in Familien vererbt, ist gibt jedoch auch Squibs (Nichtmagische Personen aus magischen Familien), Halbblüter (bei denen nur ein Elternteil ein Zauberer war) und Schlammblüter (Magier, die in Muggelfamilien geboren werden).
Die Zaubersprüche sind starre, jahrhunderte alte Formeln, die meist einen lateinischen Ursprung haben und damit eine Konstante für die immer unterschiedliche Zauberergesellschaft. Zauber dürfen vor der Volljährigkeit nur in der Schule ausgeübt werden (nach einigen Ereignissen sogar nur während des Unterrichts) und die Magie unterliegt strengen Regeln. Jeder muss die Zauberschule besuchen und ohne Prüfung ist z.B. das Apparieren verboten.
Bei Simon Snow ist das komplett anders. Magie wird nur vererbt - Ehen mit Normalen sind verpöhnt, da so die Magie geschwächt wird und je stärker die magischen Kräfte von zwei Ehepartnern sind umso mächtiger werden ihre Kinder. Je nachdem, wie sehr Familien auf Macht fokussiert sind, bekommen sie nur wenige Kinder, damit die Macht nicht in zu kleinen Portionen unter ihnen aufgeteilt wird. Da Simon aber vor allem mächtige Familien kennt, sind diese meist auch kinderreich, da die Aufteilung der Magie kein Problem ist.
Zaubersprüche entstehen durch den Sprachgebrauch - oft verwendete Sätze werden zu Zaubern, lange nicht verwendete Zauber verlieren ihre Wirkung. Die Schüler werden ausdrücklich dazu aufgefordert, auch außerhalb der Schule zu zaubern - und irgendwie ergibt das auch viel mehr Sinn.
Zur Zeit von Simon ist die Zauberschule für fast alle Magier geöffnet, zur Schulzeit des Magiers war es jedoch noch so, dass nur die Kinder aus den besonders mächtigen Zauberfamilien die Schule besuchen durften. Auch war die Schule zu der Zeit kostenpflichtig, so dass sich nicht jeder leisten konnte, sein Kind dorthin zu schicken (egal wie mächtig), während Simons Schulzeit werden die Kosten jedoch über Steuereinnahmen getragen.
Die Handlung
Abgesehen von der groben Zusammenfassung "Der Hauptheld muss den Feind besiegen" gleicht sich die Handlung der Bücher in keinem Punkt. Simon steht in seiner Mission relativ allein da, während Harry eine gesamte Widerstandsbewegung hinter sich hat. Voldemort ist ein Feind, der vermutlich sogar auftauchen würde, wenn du ihn darum bittest (nur um dich kurz darauf zu töten), der Schatten erscheint widerum zufällig und lässt sich deshalb auch schlecht bekämpfen. (Zumal keiner eine Idee hat, wie das überhaupt gehen soll.) Für Harry ist klar, was zu tun ist: Horkruxe vernichten, Voldemort töten, die Welt retten. Für Simon ist nur der letzte Punkt gewiss.
Während es bei Harry Potter immer nur um die gerade ablaufenden Abenteuer dreht, kommt bei Simon Snow noch mehr dazu - das Rätsel um den Tod von Baz Mutter, die Beziehung zu Agatha - Rainbow Rowell bietet eine faszinierende Charakterstudie und am Ende kann man sich gar nicht entscheiden, welcher der eigene Lieblingscharakter ist.
Fazit
"Aufstieg und Fall des außerordentlichen Simon Snow" ist in keinster Weise ein Harry Potter Abklatsch. Wenn man speziell danach sucht findet man Figuren, die fast genauso im jeweils anderen Universum existieren, in den meisten Fällen jedoch sind sie einzigartig und gerade deshalb ist der Roman einen Versuch wert!

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