Sonntag, 23. Juli 2017

Lagerfeuergeschichten - Juli 2017 (Teil 4)

 Hier nun ein weitere Auszug aus meinem Romanprojekt "Myerm". Mehr dazu findet ihr hier.

Während der Sommersonnenwende wurde ein kleines Mädchen, Leonor, entführt. Zuvor hatte sie in einem Kanal gespielt und war dann plötzlich unter Wasser verschwunden. Da der Vorfall in der Nähe von Noemis Haus passiert ist, ist sie entsprechend ängstlich. Inzwischen kennen wir auch Niccolo, ein Halbwesen mit Tentakelbeinen.



Als nach den Festtagen und dem verlängerten Wochenende die Schule wieder begann, war Noemi dankbar für jede Ablenkung. Wie jeden Morgen überquerte sie die Ponte Alleco uin dem Moment, in dem auf der anderen Seite das Schultor geöffnet wurde und betrat kurz nach den ersten Schülern das Gebäude. Die Lehranstalt befand sich in einem alten Palazzo im Stadtkern. Es war eines der wenigen erhaltenen Gebäude aus der alten Zeit, die erhalten geblieben waren und erinnerte an die fremde Kultur, die früher die Stadt beherrscht hatte. Mit ihren strengen und dicken Steinmauern hinterließ die Schule bei allen, die sie betraten, einen respekteinflößenden Eindruck, so dass die Lehrer nur selten zur Ruhe ermahnen mussten.

Während Noemi die Treppe zu ihrem Klassenzimmer hinaufstieg bleibt ihr Blick an einem großen gerahmten Blick hängen. Es handelte sich um das Schulfoto mit allen Schülern und Lehrern, dass jedes Jahr angefertigt wurde. Ganz vorne standen die Kleinen – Vorschüler und Erstklässler – und in der letzten Reihe auf den Stufen der Abschlussjahrgang: die dreizehnte Klasse. Das Bild hing seit Schuljahresbeginn an seinem Platz und bald würde das Nächste angefertig werden. 

Was Noemi jedoch erstaunte war ein Kopf in der vorletzten Reihe, der ihr vorher noch nie aufgefallen war. Kinnlange Haare, schlammfarbene Augen. Mitten auf dem Schulfoto grinste ihr das Seemonster entgegen. „Niccolo“, ermahnte Noemi sich, „was auch immer er ist – er hatte zumindest einen Namen und den solltest du auch verwenden, wenn du nicht in Schwierigkeiten kommen wilst. Vielleicht war die Begegnung in der Grotte ja doch nur ein Albtraum.“

Inzwischen füllten sich die Gänge immer weiter mit Schülern und Noemi beeilte sich, weiter zu gehen, um nicht doch noch dem Tentakeljungen zu begegnen.

Wie immer war sie eines der ersten Mädchen, dass den Klassenraum betrat, so dass ihr genügend Zeit blieb, um ihre Sachen auszupacken, bevor ihre Klassenkameradinnen mit ihr über die Ferien austauschen würden.

Im Fall von Leonor gab es noch immer keine neuen Erkenntnisse und so würde das Verschwinden des Mädchens das Hauptgesprächsthema vor dem Unterricht sein. Noemi glaubte nach wie vor fest daran, dass sie noch am Leben war und nach der Begegnung in der Grotte zweifelte sie nicht daran, dass das Seemonster an der Sachte beteiligt war. Doch das erwähnte sie gegenüber niemanden, schließlich hatte sie keinerlei Beweise.

Als die Unterhaltung Leonors Familie erreicht hatte, wurde sie jedoch hellhörig. Leonors Vater war einer der wichtigsten Politiker der Lagunenstadt und das plötzliche Verschwinden seiner Tochter hatte schon für die wildesten Gerüchte gesorgt. Gulio Goncalves wies selbstverständlich alles zurück, doch die Leute wollte nichts davon wissen. In ihren Augen war der Mann schuldig.

„In Niccolos Schuhen möchte ich gerade echt nicht stecken“, meinte eines der Mädchen plötzlich und Noemi sah erstaunt auf. „Niccolo?“, hackte sie nach. Der Name war in der Gegend nicht unüblich und es konnte nur ein Zufall sein, aber vielleicht bestand ja doch ein Zusammenhang.

„Leonors großer Bruder“, erklärte eine Andere. „Er geht auf unsere Schule und mach dieses Jahr seinen Abschluss.“

Das erste Mädchen nickte. „Und zusätzlich dazu kommt die Belastung durch das Verschwinden seiner Schwester und die tausend Gerüchte, die über seine Familie verbreitet werden.“

Bevor Noemi noch weitere Fragen stellen konnte, betrat der Lehrer das Zimmer und begann den Unterricht.



Am nächsten Sonntag kommt als Abschluss ein kurzer Einblick in den Schulunterricht.

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