Während der Sommersonnenwende wurde ein kleines Mädchen, Leonor, entführt. Zuvor hatte sie in einem Kanal gespielt und war dann plötzlich unter Wasser verschwunden. Da der Vorfall in der Nähe von Noemis Haus passiert ist, ist sie entsprechend ängstlich. Inzwischen kennen wir auch Niccolo, ein Halbwesen mit Tentakelbeinen.
Als nach den Festtagen und dem verlängerten Wochenende die Schule
wieder begann, war Noemi dankbar für jede Ablenkung. Wie jeden
Morgen überquerte sie die Ponte Alleco uin dem Moment, in dem auf
der anderen Seite das Schultor geöffnet wurde und betrat kurz nach
den ersten Schülern das Gebäude. Die Lehranstalt befand sich in
einem alten Palazzo im Stadtkern. Es war eines der wenigen erhaltenen
Gebäude aus der alten Zeit, die erhalten geblieben waren und
erinnerte an die fremde Kultur, die früher die Stadt beherrscht
hatte. Mit ihren strengen und dicken Steinmauern hinterließ die
Schule bei allen, die sie betraten, einen respekteinflößenden
Eindruck, so dass die Lehrer nur selten zur Ruhe ermahnen mussten.
Während Noemi die Treppe zu ihrem Klassenzimmer hinaufstieg
bleibt ihr Blick an einem großen gerahmten Blick hängen. Es
handelte sich um das Schulfoto mit allen Schülern und Lehrern, dass
jedes Jahr angefertigt wurde. Ganz vorne standen die Kleinen –
Vorschüler und Erstklässler – und in der letzten Reihe auf den
Stufen der Abschlussjahrgang: die dreizehnte Klasse. Das Bild hing
seit Schuljahresbeginn an seinem Platz und bald würde das Nächste
angefertig werden.
Was Noemi jedoch erstaunte war ein Kopf in der
vorletzten Reihe, der ihr vorher noch nie aufgefallen war. Kinnlange
Haare, schlammfarbene Augen. Mitten auf dem Schulfoto grinste ihr das
Seemonster entgegen. „Niccolo“, ermahnte Noemi sich, „was auch
immer er ist – er hatte zumindest einen Namen und den solltest du
auch verwenden, wenn du nicht in Schwierigkeiten kommen wilst.
Vielleicht war die Begegnung in der Grotte ja doch nur ein Albtraum.“
Inzwischen füllten sich die Gänge immer weiter mit Schülern und
Noemi beeilte sich, weiter zu gehen, um nicht doch noch dem
Tentakeljungen zu begegnen.
Wie immer war sie eines der ersten Mädchen, dass den Klassenraum
betrat, so dass ihr genügend Zeit blieb, um ihre Sachen auszupacken,
bevor ihre Klassenkameradinnen mit ihr über die Ferien austauschen
würden.
Im Fall von Leonor gab es noch immer keine neuen Erkenntnisse und
so würde das Verschwinden des Mädchens das Hauptgesprächsthema vor
dem Unterricht sein. Noemi glaubte nach wie vor fest daran, dass sie
noch am Leben war und nach der Begegnung in der Grotte zweifelte sie
nicht daran, dass das Seemonster an der Sachte beteiligt war. Doch
das erwähnte sie gegenüber niemanden, schließlich hatte sie
keinerlei Beweise.
Als die Unterhaltung Leonors Familie erreicht hatte, wurde sie
jedoch hellhörig. Leonors Vater war einer der wichtigsten Politiker
der Lagunenstadt und das plötzliche Verschwinden seiner Tochter
hatte schon für die wildesten Gerüchte gesorgt. Gulio Goncalves
wies selbstverständlich alles zurück, doch die Leute wollte nichts
davon wissen. In ihren Augen war der Mann schuldig.
„In Niccolos Schuhen möchte ich gerade echt nicht stecken“,
meinte eines der Mädchen plötzlich und Noemi sah erstaunt auf.
„Niccolo?“, hackte sie nach. Der Name war in der Gegend nicht
unüblich und es konnte nur ein Zufall sein, aber vielleicht bestand
ja doch ein Zusammenhang.
„Leonors großer Bruder“, erklärte eine Andere. „Er geht
auf unsere Schule und mach dieses Jahr seinen Abschluss.“
Das erste Mädchen nickte. „Und zusätzlich dazu kommt die
Belastung durch das Verschwinden seiner Schwester und die tausend
Gerüchte, die über seine Familie verbreitet werden.“
Bevor Noemi noch weitere Fragen stellen konnte, betrat der Lehrer
das Zimmer und begann den Unterricht.
Am nächsten Sonntag kommt als Abschluss ein kurzer Einblick in den Schulunterricht.

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen