Sonntag, 4. Februar 2018

Auf Campingtour durch Portugal [RSD]

Seit ich "Nachtzug nach Lissabon" von Pascal Mercier gelesen habe, lässt mich das Portugalfieber nicht mehr los - als ich dann also die Verlosung zur Leserunde für "Nelkenliebe" von Anja Saskia Beyer gesehen habe musste ich einfach zuschlagen, denn schließlich verspricht der Klappentext nicht nur eine Reise durch das aktuelle Portugal sondern auch einen Rückblick in die Zeit der Nelkenrevolution: Der Zeit, mit der sich auch Raimund Gregorius im "Nachtzug" näher auseinander setzt.


Rezension zu "Nelkenliebe"


Der neue Roman von Anja Saskia Beyer erschien im Dezember 2017 bei "Tinte & Feder" und stammt von einer #1 Kindle Bestseller-Autorin. Der Roman ist 313 Seiten lang und hält am Ende noch eine schöne Überraschung bereit! Ich habe das Buch gemeinsam mit der entsprechenden Lovelybooks Leserunde gelesen und jeder ist willkommen, mit einem eigenen Exemplar ebenfalls teilzunehmen oder nach der Lektüre der jeweiligen Abschnitte zumindest einen Blick auf die Meinungen der anderen Leser zu werfen. Hierbei entstanden sehr interessante Diskussionen, die ich nur weiter empfehlen kann.

Tipp: Wer bis zum 11. 02. 2018 eine Rezension zu diesem Buch auf Lovelybooks veröffentlicht und diese im entsprechenden Unterbereich der Leserunde verlinkt hat die Chance auf ein exklusives "Tinte & Feder" Buchpaket!

Worum geht es?


Katherina Winter ist Anfang bis Mitte 30, Kanzleiangestellte und führte ein, zumindest äußerlich, perfektes Leben: Ihr Freund Arne ist ein erfolgreicher Anwalt in Berlin und kommt, wie sie, hervorragend mit ihren Eltern klar, zu denen sie eine sehr enge Bindung haben. (Was auch immer wieder betont wird.) Doch dann erfährt Katherina eines Tages, dass bei ihrem Vater ein Tumor festgestellt wurde, er nicht mehr lange zu leben hat und dass da drei Wünsche sind, die auf ihre Erfüllung warten: Eine Harleytour ihres Vaters mit ihrer Mutter an der Ostsee, Katherinas Hochzeit (die bis dahin noch nicht einmal geplant war) und die Antwort auf eine lang gehegte Frage: Warum ihn seine Jugendliebe verlassen hat.

Um die Antwort auf diese Frage zu finden muss Katherina nach Portugal fahren und bucht spontan einen uralten Campingwagen aus den 80er Jahren. Der Jahresurlaub mit ihrem Freund muss eine Woche vorverlegt werden und all das ist geplant noch bevor sie Arne von der Diagnose ihres Vaters erzählt hat. Der ist, verständlicherweise, erst einmal nicht all zu begeistert, macht dann jedoch mit und so fliegen sie gemeinsam nach Portugal, auf der Suche nach einer Frau names Marisa, die früher in der selben Bäckerei wie ihr Vater gearbeitet hat. Ihre Spur scheint unaufspürbar, doch trotzdem gibt Katherina nicht auf und erhält dabei auch unerwartet Hilfe von Nuno, dem Leiter der Campingwagen-Vermietung. Ein spannendes Abenteuer beginnt!

Graphische und rhetorische Gestaltung


Das Cover (wie oben zu sehen) ist recht hübsch gelungen, zumal auf alle seine Elemente innerhalb des Buches Bezug genommen wird, was ganz nett ist. Allerdings sind die Azulejos, die typisch portugiesischen Fliesen, meist eher blau als grün wie hier zu sehen - dieses Opfer musste für die Farbpalette aber vermutlich einfach sein.

Dass die Autorin bisher hauptsächlich für Film und Fernsehn geschrieben hat merkt man den Roman durchaus an. Alles ist ein wenig vorhersehbar, leicht und einfach gehalten und zum "weglesen" geschrieben.

Wer ein rhetorisches Meisterwerk erwartet ist hier an der falschen Adresse. Aus Angst, der Leser könnte falsche Schlüsse ziehen, werden alle Beurteilungen durch den Text vorweggenommen und Sätze wie "Sie spürte, dass es zwischen ihnen eine enge Verbindung gab." tauchen dutzende Male auf.

Der Roman bewegt sich auf zwei Ebenen - dem Jahr 2018 und den Jahren 1972-74. Ersteres ist aus Katherinas Perspektive erzählt, letztere aus der ihres Vaters Gerd und ab Mitte des Buches auch aus der Sicht Marisas. Dabei bleibt die Autorin jedoch stets in der dritten Person.

Meine Meinung


Als ich begonnen habe, das Buch zu lesen, war mir relativ schnell klar, dass ich nicht das Standardpublikum bin und deswegen auch viel auszusetzen haben werde. Dabei habe ich mich jedoch sehr zurück genommen und die Leserunde hat mir außerdem gezeigt, dass es nicht nur an der Frage "Standardpublikum oder nicht?" lag, ob das Buch gut ankam. 

Inhaltlich sind die Rückblenden in die Vergangenheit sehr stark und auch interessant zu lesen, die Gegenwartspersepktive jedoch eine absolute Katastrophe. Katherina verhält sich eher wie eine 12-Jährige als eine Frau Mitte 30 und hebt ihren Vater förmlich in den Heiligenstatus auf - Papa hier, Papa da. Ihre Handlungen sind meist nicht nachvollziehbar, mit ihrem Freund hatte ich des Öfteren Mitleid und am Ende des Buches wirkt ihre "Charakterentwicklung" doch etwas aufgesetzt und übertrieben. Neben inhaltlichen Lücken und Sprachfehlern ist mir vor allem das Layout ins Auge gestochen - an manchen Stellen stößt man auf so schrecklich gequetschte Blocksätze, dass einem die Augen wehtun. Hier hätte der Verlag wohl etwas besser aufpassen müssen.

Fazit


Das Buch ist eine typische Strandlektüre - etwas anspruchslos und seicht, man ist beschäftigt, lernt vielleicht das ein oder andere dazu und am Ende gibt es (natürlich) ein kitschiges Happy End das das Herz der einfacheren Leserin erfreut. Wer etwas mehr von Literatur erwartet, der sollte besser die Finger von diesem  Roman lassen. 

Insgesamt ist das Buch nicht schlecht aber auch nicht übermäßig gut. Die Leserunde hat für mich die Lektüre noch bereichert, sonst wäre meine Rezension vermutlich um einiges vernichtender ausgefallen. Als Fernsehfilm oder als Serie würde es sehr gut funktionieren, zu einem gelungenen Roman fehlt jedoch das gewisse Etwas.


 

Spoiler


Dass sich die Wünsche von Katherinas Vater nicht ganz so einfach erfüllen lassen, ist von vorn herein klar und sobald man die ersten zwei Kapitel gelesen hat, ahnt man auch schon, warum. Die Beziehung zu Arne steht von vorn herein unter einem schlechten Stern, man kann spüren, dass die Beiden nicht zusammen passen und so gibt es am Ende auch keine Traumhochzeit.

Der Tumor von Katherinas Vater ist schon eine heftige Sache doch man darf natürlich nicht vergessen, dass dies eine seichte Lektüre ist - natürlich überlebt er das Buch und findet sogar eine neue Heilungsmethode, die den Tumor vielleicht sogar ganz entfernen könnte.

Marisa ist der Grund, warum Katherina nach Portugal fährt, und am Ende findet sie sie natürlich - wäre ja auch schade wenn nicht. Sie erklärt außerdem ausführlich, warum sie Katherinas Vater verlassen hat. Hier bleibt also keiner mit offenen Fragen zurück.


 

Diskussion


Dieses Buch ist in meinen Augen sehr diskussionswürdig, es gibt viele Punkte, die man besprechen könnte und trotzdem möchte ich versuchen, mich auf drei zu limitieren:
  1. Nuno, der Arne 2.0 und Katherina: Dass ich Katherina nicht leiden kann, ist vermutlich offensichtlich, wer mir aber gleichermaßen auf die Nerven geht ist Nuno. Geflüsterte Kommentare ins Ohr einer bereits vergebenen Frau, mysteriöses "Ich habe ein dunkles Geheimnis" Getue und letztendlich die Vorwürfe als Katherina mit ihrem Vater zurück nach Deutschlnad fliegt - da war Arne ja noch nichts dagegen! Wie seht ihr das, ist Nuno eine Art schlimmerer Arne 2.0, der Katherina ihr Leben vorschreiben will oder meint er es nur gut mit ihr?
  2. Gisela, Gerds Frau: Warum vertraut er ihr nicht und verheimlicht die Geschichte mit Marisa vor ihr? Vertraut er ihr so wenig? Liebt er sie überhaupt? Wie muss sie sich fühlen - da fährt ihr todkranker Mann einfach so ohne sie zu ihrer Tochter, die in Portugal Urlaub macht und will sie nicht dabei haben, erzählt ihr am Ende noch nicht einmal, warum er das alles getan hat! Das ist nicht sensibel sondern falsch. Wie seht ihr das?
  3. Das Ende: In der Leserunde habe ich keinen einzigen Mitleser gefunden, der mit dem Ende zufrieden war und das will schon etwas heißen. Klar darf es ein Happy End sein, aber gleich so? Meiner Meinung nach hätte die Hälfte vollkommen gereicht: Rückkehr nach Berlin, Heilungsmethode, SMS Kontakt zu Nuno und eine halboffene Beziehung, vielleicht konkrete Schritte in Richtung des zweiten Staatsexamens. Was meint ihr? War das Ende zu viel?
 Wie immer würde ich mich sehr über eure Kommentare zu diesen Fragen freuen! Auch wenn es andere Punkte gibt, die ihr gerne noch besprechen wollt, könnt ihr einen Kommentar dazu da lassen!

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