Sonntag, 16. Juli 2017

Lagerfeuergeschichten - Juli 2017 (Teil 3)

 Heute folgt ein weitere Auszug aus meinem Romanprojekt "Myerm". Mehr dazu findet ihr hier.

Während der Sommersonnenwende wurde ein kleines Mädchen, Leonor, entführt. Zuvor hatte sie in einem Kanal gespielt und war dann plötzlich unter Wasser verschwunden. Da der Vorfall in der Nähe von Noemis Haus passiert ist, ist sie entsprechend ängstlich. Letzten Sonntag haben sich die beiden Hauptcharaktere dann endlich zum ersten Mal getroffen. Hier folgt nun die zweite Hälfte ihres Treffens.



„Na geht doch.“ Das Wesen streckte eine Hand in ihre Richtung aus und Noemi wich erschrocken eine weitere Stufe nach oben. Doch anscheinend wollte der Tentakelmensch sie gar nicht packen und ins Wasser reißen – viel mehr wirkte die Geste, im Nachhinein betrachtet, wie die gängige Begrüßung zwischen den Bewohnern der Lagunenstadt und Noemi kam sich für ihre Schreckhaftigkeit etwas albern vor.

„Dann eben nicht“, meinte die Person, zuckte mit den Schultern und zog die Hand wieder zurück. „Ich bin Nico.“

„Kurz für Niccolo?“ Tatsächlich konnte sie jetzt im dämmrigen Licht des Felsenkellers zwischen den hellen Haaren das Gesicht eines Jungen erahnen und sie wunderte sich wie etwas, das eindeutig nicht aus der Stadt stammen konnte, so gut ihre Sprache und ihre Sitten beherrschen konnte.

Er nickte und plötzlich fiel ihr die blaue Muschel ein, die sie noch immer in ihrer linken Hand hielt. Zitternd streckte sie sie in Richtung der wabernden Tentakeln. „Ist das deine?“

Wieder nickte Nico und lachte dann. „Sie gefällt dir, hm? Du kannst sie behalten, wenn du willst.“ Vorsichtig zoog Noemi ihren Arm zurück und war einen Blick auf die Muschel. Sie war außergewöhnlich schön, aber was würde passieren, wenn jemand sie fragen würde, wo sie herkam? Noemi wusste die Antwort nicht und wollte sie bei genauerer Betrachtung gar nicht wissen. Ohne Zögern hob sie den Arm und warf sie dem Tentakeljungen zu.

„Ich kann nicht“, meinte sie und versuchte dabei so ruhig wie möglich zu klingen. Wenn alles gut gehen würde, könnte sie in wenigen Minuten die Grotte verlassen und die unheimliche Begegnung mit Nico als Tagtraum abstempeln.

„Wieso?“ Die Frage war simpel und klang in Noemis Ohren trotzdem wie eine Herausforderung.
„Ich will nicht, dass jemand sie sieht oder mich fragt, woher sie kommt. Außerdem gehört sie dir.“
Wieder lachte Nico leise und das Geräusch hallte von den Wänden wieder. „Im Gegensatz zu dir weiß ich, woher die Muschel kommt und kann mir auch weitere besorgen, wenn ich will.“

Trotzig verschränkte Noemi ihre Arme vor der Brust. „Trotzdem.“

Nachdenklich sah Nico sie an. „Wie du meinst“, murmelte er leise und sprang zurück ins Wasser. 

Seine Tentakeln bewegten sich rhythmisch wie die eines Tintenfisches, als er in das Becken hinabtauchte und dann durch die Öffnung zum Kanal verschwand. Gerade rechtzeitig erinnerte sich Noemi an die Algen, die sie ihrem Vater bringen sollte, bevor sie mit pochendem Herz die Stufen hinaufrannte und im gleißenden Sonnenlicht versuchte, die Schrecken der Grotte zu vergessen.



Am nächsten Sonntag gibt es mehr Informationen zu Niccolo!

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