Heute folgt ein weitere Auszug aus meinem Romanprojekt "Myerm". Mehr dazu findet ihr hier.
Während der Sommersonnenwende wurde ein kleines Mädchen, Leonor, entführt. Zuvor hatte sie in einem Kanal gespielt und war dann plötzlich unter Wasser verschwunden. Da der Vorfall in der Nähe von Noemis Haus passiert ist, ist sie entsprechend ängstlich. Letzten Sonntag haben sich die beiden Hauptcharaktere dann endlich zum ersten Mal getroffen. Hier folgt nun die zweite Hälfte ihres Treffens.
„Na geht doch.“ Das Wesen streckte eine Hand in ihre Richtung
aus und Noemi wich erschrocken eine weitere Stufe nach oben. Doch
anscheinend wollte der Tentakelmensch sie gar nicht packen und ins
Wasser reißen – viel mehr wirkte die Geste, im Nachhinein
betrachtet, wie die gängige Begrüßung zwischen den Bewohnern der
Lagunenstadt und Noemi kam sich für ihre Schreckhaftigkeit etwas
albern vor.
„Dann eben nicht“, meinte die Person, zuckte mit den Schultern
und zog die Hand wieder zurück. „Ich bin Nico.“
„Kurz für Niccolo?“ Tatsächlich konnte sie jetzt im
dämmrigen Licht des Felsenkellers zwischen den hellen Haaren das
Gesicht eines Jungen erahnen und sie wunderte sich wie etwas, das
eindeutig nicht aus der Stadt stammen konnte, so gut ihre Sprache und
ihre Sitten beherrschen konnte.
Er nickte und plötzlich fiel ihr die blaue Muschel ein, die sie
noch immer in ihrer linken Hand hielt. Zitternd streckte sie sie in
Richtung der wabernden Tentakeln. „Ist das deine?“
Wieder nickte Nico und lachte dann. „Sie gefällt dir, hm? Du
kannst sie behalten, wenn du willst.“ Vorsichtig zoog Noemi ihren
Arm zurück und war einen Blick auf die Muschel. Sie war
außergewöhnlich schön, aber was würde passieren, wenn jemand sie
fragen würde, wo sie herkam? Noemi wusste die Antwort nicht und
wollte sie bei genauerer Betrachtung gar nicht wissen. Ohne Zögern
hob sie den Arm und warf sie dem Tentakeljungen zu.
„Ich kann nicht“, meinte sie und versuchte dabei so ruhig wie
möglich zu klingen. Wenn alles gut gehen würde, könnte sie in
wenigen Minuten die Grotte verlassen und die unheimliche Begegnung
mit Nico als Tagtraum abstempeln.
„Wieso?“ Die Frage war simpel und klang in Noemis Ohren
trotzdem wie eine Herausforderung.
„Ich will nicht, dass jemand sie sieht oder mich fragt, woher
sie kommt. Außerdem gehört sie dir.“
Wieder lachte Nico leise und das Geräusch hallte von den Wänden
wieder. „Im Gegensatz zu dir weiß ich, woher die Muschel kommt und
kann mir auch weitere besorgen, wenn ich will.“
Trotzig verschränkte Noemi ihre Arme vor der Brust. „Trotzdem.“
Nachdenklich sah Nico sie an. „Wie du meinst“, murmelte er
leise und sprang zurück ins Wasser.
Seine Tentakeln bewegten sich
rhythmisch wie die eines Tintenfisches, als er in das Becken
hinabtauchte und dann durch die Öffnung zum Kanal verschwand. Gerade
rechtzeitig erinnerte sich Noemi an die Algen, die sie ihrem Vater
bringen sollte, bevor sie mit pochendem Herz die Stufen hinaufrannte
und im gleißenden Sonnenlicht versuchte, die Schrecken der Grotte zu
vergessen.
Am nächsten Sonntag gibt es mehr Informationen zu Niccolo!

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