Donnerstag, 16. November 2017

Die Reisen mit meiner Tante [RSD]


Fremde Länder, Abenteuer – manch einer kommt nicht ohne sie aus und andere können wiederum gut und gerne darauf verzichten. Beide Seiten bieten ihre Vorteile und wer einmal die andere Seite ausprobiert wird erkennen, dass nicht alles an dieser Lebensart schlecht ist. So könnte man „Die Reisen mit meiner Tante“ von Graham Greene kurz zusammenfassen: Ein Wandel von einem „Stubenhocker“ zu einem Reiselustigen.

 

Rezension zu "Die Reisen mit meiner Tante"


Die Reisen mit meiner Tante“ von Graham Greene erschien 1969 unter dem Originaltitel „Travels with my Aunt“ und wurde vom deutschen Taschenbuchverlag herausgegeben. Graham Greene, Großneffe von Robert Louis Stevenson, führt dem Leser darin den langsamen Persönlichkeitswechsel einer Person vor Augen, der sich wie ein natürlicher Prozess während des Alterns anfühlt.

Worum geht es?


Henry Pulling, ehemaliger Bankfilialleiter, wurde frühzeitig pensioniert und widmet sich seitdem seinem ausgeprägten Interesse für Dahlien. Frau und Kinder hatte er nie und so lebt er allein mit einer immer gleichen Routine in den Tag hinein. Sein Vater starb, als er gerade mal Zehn war und nun ist ihm seine Mutter ins Grab gefolgt. Da Henry durch seine berufliche Position schon oft an Beerdigungen teilgenommen hat, erwartet er nicht, dass diese anders wird, doch da hat er sich geirrt.

Auf der Beerdigung seiner Mutter trifft er nämlich deren Schwester, Augusta, die ihn mit ihrer derben Art überrascht und spontan beschließt, dass er direkt im Anschluss an die Beerdigung mit zu ihr kommen soll. Zuletzt waren sich die Beiden bei Henrys Taufe begegnet und so ist er mehr als skeptisch, lässt sich jedoch schließlich darauf ein. Wie sich schon bald herausstellt, lebt ihre Tante nicht nur mit einem gewissen Wordsworth zusammen sondern wird auch immer wieder von der Abenteuerlust gepackt. Henry wird zu ihrem neuen Reisepartner erklärt und schon eine Woche später geht es los – mit dem Orientexpress nach Istanbul. Doch dann taucht plötzlich die Polizei bei Henry auf und behauptet, dass es sich bei der Asche seiner Mutter, die er notgedrungen mit zu seiner Tante Augusta genommen hatte, um Haschisch handelt – und das ist erst der Anfang!

Graphische und rhetorische Gestaltung


Das Cover des Buches verrät nicht viel über seinen Inhalt. Der abgebildete Koffer hat zumindest auf den ersten Blick nicht viel mit der Geschichte des Romans zu tun, jedoch taucht er später im Buch in einer der Erzählungen von Tante Augusta auf und ist somit gerechtfertigt. Die Farbe Rot, die sich auch auf dem restlichen Umschlag des Buches wiederfindet, passt ausgesprochen gut, da sie sowohl die Haarfarbe von Augusta ist als auch an anderen Stellen Bedeutung findet.

Der Roman ist weniger eine Momentaufnahme als eine Erzählung – Henry erzählt davon, wie es zu den Reisen mit seiner Tante kam und Augusta von all den Reisen, die sie bereits unternommen hat. Trotzdem liegt ein großes Gewicht auf Dialogen. Der Roman ist in zwei Teile geteilt – so berichtet Henry zunächst von den ersten Reisen, die er mit Augusta unternommen hat und wie es überhaupt dazu kam. In diesem ersten Teil fühlt er sich während der Reisen noch recht unwohl und sehnt sich oft nach Hause zurück. Im zweiten Teil ist dies jedoch anders – er beginnt sich mit den Reisen anzufreunden und greift langsam auch Augustas Reiselust auf.

Graham Greene verwendet eine sehr feine Sprache, die großen Wert auf das Beschreibende legt. So schmückt Augusta ihre Erzählung mit vielen Details aus und während der aus Henrys Sicht beschriebenen Reisen mangelt es nicht an Düften, Geräuschen und Sinneseindrücken. Greene gelingt es gut, eine (aus heutiger Sicht) völlig fremde Welt einzufangen und dem Leser erstaunlich lebendig wiederzugeben.

Der Roman ist in der Ich-Perspektive geschrieben und aus Henrys Sicht erzählt.

Meine Meinung


Durch Greenes Schreibweise findet sich jeder Leser schnell in Henrys und Augustas Welt zurecht, jedoch braucht es einen Moment, bis man einen Überblick über Augustas erfülltes Leben gewinnt und auch die letzten Zusammenhänge begreift. Zum Ende bleiben keine offenen Fragen und so bildet der Roman eine angenehm zu lesende Gesamtheit, die einen in die Ferne entführt.

Fazit


Der Roman „Die Reisen mit meiner Tante“ ist absolut empfehlenswert – nicht allzu schwergewichtig und trotzdem nie langweilig zeigt Graham Greene den Leser eine abenteuerliche Welt. Viel Reisende werden vielleicht nicht das Gleiche beim Lesen empfinden wie „Stubenhocker“, die eher Henry zu Beginn des Buches ähneln. Letzteren bietet sich mit dem Roman die Möglichkeit, eine neue Seite ihrer Selbst zu entdecken und vielleicht auch zu einem langersehnten Reiseziel aufzubrechen.



 

Spoiler

Gleich zu Beginn stellt Tante Augusta Henry gegenüber klar, dass die soeben bestattete Frau nicht seine Mutter ist – wer jedoch seine wahre Erzeugerin ist, verrät sie nicht. Im Verlauf des Buches kommt dies natürlich ans Licht und wer nicht ans Ende warten kann, dem sei gesagt: Ja, es ist Augusta.
Auch zu Beginn des Buches lernen wir Wordsworth kennen – der schwarze Geliebte von Augusta, der die Asche von Henrys Mutter mit Haschisch ersetzt hat. Nachdem die Polizei jedoch zu Razzien sowohl bei Augusta als auch bei Henry aufgetaucht ist, setzt er sich nach Paris ab. Jedoch ist dies nicht die letzte Begegnung mit ihm – im Verlauf der Geschichte trifft Henry ihn an den unterschiedlichsten Orten immer wieder.
Zum Schluss noch ein kleiner interessanter Fakt: In ihren Erzählungen berichtet Augusta Henry von einigen ihrer verflossenen Liebschaften. Tatsächlich trifft sie im zweiten Teil des Buches dann aber auch zwei von ihnen wieder: Monsieur Dambreuse und Mr. Visconti – all das auf den Weg nach und in Südamerika.


 

Diskussion

Falls ihr das Buch bereits gelesen habt, möchte ich hier noch ein paar Punkte mit euch diskutieren. 

1. Warum hielt es Augusta nicht für notwendig, Henry von vornherein zu sagen, dass sie seine Mutter ist? Dachte sie, er würde sich im Folgenden gezwungen fühlen, mit ihr zu Reisen oder Dinge tun, die er sonst gelassen hätte? 

2. Was haltet ihr von Miss Keene? Hat sie wirklich darauf gehofft, dass Henry ihr einen Antrag macht oder war es mehr ein Versuch, ihr altes Leben zurückzugewinnen und ihr neues Leben, in dem sie sich ihr fremden Positionen anpassen musste, wieder loszuwerden? 

3. Zum Schluss noch Wordsworth – seine Namensähnlichkeit ist bestimmt kein Zufall und auch sein erneutes Auftauchen in der Geschichte soll vermutlich ein verbindendes Element darstellen. Warum jedoch waren er und Mr. Visconti so eifersüchtig aufeinander? Letztendlich wussten sie doch beide, dass Augustas Wahl in jeder Situation eindeutig auf Visconti fallen würde. 

Habt ihr noch andere Punkte, die ihr gern diskutieren würdet oder vielleicht die eine oder andere Antwort auf meine Fragen? Über einen Kommentar dazu würde ich mich sehr freuen!

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